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Wie begegnet man persönlichen Veränderungen mit Verständnis und Toleranz?

15.03.2016 – Alle organisatorischen Neuerungen verursachen persönliche Veränderungsprozesse. Hierzu findet sich verschiedenste Literatur, um damit umzugehen. Für mich am Wertvollsten – neben Alan Deutschman – ist das Buch von William Bridges „Managing Transition – Making the most of Change“. Sein Buch ist gespickt von Hilfsmitteln wie Checklisten und Perspektivfragen. Er entdeckt dabei keine großen Neuigkeiten, doch er macht persönliche Veränderung verstehbar. Bridges zeigt ganz praktische Wege, wie man als Verändernder damit tolerant und verständnisvoll umgeht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Meine Metapher, um den persönlichen Veränderungsprozess greifbar zu machen, ist das Ende einer Liebesbeziehung. Zum einen erlebten die meisten von uns dieses Ereignis schon einmal. Zum anderen verdeutlicht es: Persönliche Veränderungen beziehen Gefühle, Interpretationen und andere – fälschlicherweise als völlig irrational angesehene – ganz normalen Menschlichkeiten ein.
Bridges unterscheidet drei Phasen im individuellen Change:

1. Abschied


Bei anderen heißt diese Phase Selbstverleugnung, Ablehnung oder Widerstand. In meiner Metapher ist es die Zeit, in der man verneint, dass eine Beziehung am Ende ist. Anstrengungen zur Rettung fehlen, dennoch geht man auch keine getrennten Wege. Aber warum bleibt man noch zusammen? Um der alten Zeiten willen? Für Erinnerungen an längst vergangene emotionale Höhepunkte? Weil man aneinander gewöhnt ist?
Es gibt wohl so viele und noch mehr vorgeschobene Gründe, wie es Menschen gibt. Oder vielleicht auch nur die, welche die Literaturklassiker aufarbeiten.
Unsere Kreativität, immer Neue Verleugnungstechniken zu entdecken, scheint unerschöpflich. Ihre Gemeinsamkeit: Sie bewahren uns davor, uns mit dem wohl unvermeidlich schmerzhaften auseinander zu setzen.


Dasselbe passiert, wenn Mitarbeiter zwar in Emails, Arbeitsanweisungen und Besprechungen gesagt bekommen, dass alle Rechner auf das aktuelle Office umgestellt werden. Glauben tun sie es erst, wenn das Rechenzentrum zum Update übers Wochenende ihren Rechner zwangsweise herunter fährt und sie Montagmorgens vollkommen unvorbereitet, übellaunig und übergangen auf die neue Office-Oberfläche schauen.


Wie in der Beziehung, so ist es auch beim Softwareupdate und jedem anderen Veränderungsvorhaben: Sobald ein anderer die bestehende Beziehung/ Gewohnheit gewaltsam beendet, indem er auszieht, einem die Koffer vor die Tür stellt oder einfach übers Wochenende ein Update durchführt, fühlen wir uns im besten Falle missverstanden oder übergangen.

Regelmäßig verärgern uns Abschiede. Zwischendurch fühlen wir uns auch hin und wieder nostalgisch und traurig über die inzwischen unumstößliche Faktenlage. An diesem Punkt kommt sehr häufig eine ehrliche und hoch energetische emotionale Reaktion.
In einem Veränderungsprojekt, das ich betreut hatte, sagte ein Betriebsrat zu diesen Moment: „Jetzt meldet er sich zum Prozess an.“


Auf den Moment des Abschieds kann man sich vorbereiten:

  • Akzeptiere die Realität und Relevanz subjektiver Verluste.
  • Sei gewiss: Es kommt zu „Überreaktionen“.
  • Erkenne die subjektiven Verluste verständnisvoll und offen an.
  • Respektiere und akzeptiere die Trauer um die Verluste.
  • Wenn möglich, gleiche die Verluste aus.
  • Informiere immer und immer und immer wieder (siehe auch Phase vier bei Kotter oder Repeat bei Deutschman)
  • Definiere, was vorbei ist und was weiter geht.
  • Kennzeichne jedes Ende.
  • behandle die Vergangenheit mit Respekt.
  • Nimm ein Erinnerungsstück mit und lass die anderen persönliche Erinnerungsstücke mitnehmen.
  • Zeige, wie das Abgeschlossene den Weiterbestand absichert.

Tritt das Ende von etwas ein, sei es eine Beziehung, ein Prozess, ein Ritual oder die Nutzung einer Technologie, befinden wir uns im Übergang von der 1. in die 2. Phase des persönlichen Veränderungsprozesses.

2. Neutrale Zone


In unserer Metapher beginnt die Neutrale Zone mit der Erkenntnis, dass die Beziehung vorbei ist. Die/ der andere geht jetzt eigene Wege. Man selbst kann das auch. Vielleicht stellt man fest: „Ich bin wieder auf dem Markt.“ oder man trifft jemanden, der auch gerade verlassen wurde/ jemanden verlassen hat und schüttet sich mit ihr/ ihm gegenseitig das geschundene/ befreite Herz aus. 


In der Neutralen Zone fürchtet man sich und genießt zugleich die Offenheit, die Vielzahl von bis dato unvorstellbaren Möglichkeiten, das Unbestimmte. Man lacht im einen Moment, um gleich darauf herzzerreißend zu schluchzen. Man genießt eine kleine Aufmerksamkeit, einen Flirt in der S-Bahn und fragt zugleich: „Was mache ich hier bloß?“


Die Neutrale Zone ist neblig, sie ist voller Chancen und Risiken zugleich. Sie gibt Raum für Kreativität, Hoffnung und Improvisation, aber kaum Halt. In ihr fühlen wir uns ungemütlich verloren. Sie verwirrt uns. Keiner kann sagen, wie lange sie/ er in der Neutralen Zone verweilt. Doch eines ist in unserer Gesellschaft sicher: Allzuoft verlässt man sie zu früh. Denn sie löst Unbehagen aus.
Man will raus aus ihr, ohne den Abschied und die Verluste angemessen zu verarbeiten. Man schwingt aus der Neutralen Zone, bevor man auch nur annähernd weiß, welche Rituale, Technologien und Prozesse in Zukunft zu meiden sind oder was die neu zu findenden ausmacht.

Die Neutrale Zone zu früh zu verlassen bedeutet in den meisten Fällen, in alte Muster zurück zu verfallen. Man vergibt die Chance zu einem wirklichen Wandel, einer wirklichen Verbesserung.


So bereitest Du Dich auf die Neutrale Zone vor:

  • Normalisiere die Neutrale Zone. Mache anderen und Dir klar, dass jeder diese Phase im Rahmen einer wirklichen Veränderung durchläuft.
  • Beschreibe die Neutrale Zone als Raum, um Dinge auszuprobieren. Gehe verständnisvoll mit anderen und Dir selbst um, wenn ihr in alte Muster verfallt. Mach allerdings deutlich, dass zwar unweigerlich in alte Muster verfallen wird, ihr aber dort nicht verharren wollt.
  • Schaffe temporär gültige Strukturen und Systeme. Verändere zeitgleich nur das absolut Notwendige.
  • Bestärke die Menschen darin, Dinge zusammen anzugehen. Lass niemanden alleine.
  • Schaffe eine Anlaufstelle, wo Kollegen ein offenes Ohr füreinander haben. Sorge dafür, dass es in der Anlaufstelle Menschen gibt, die die Notwendigkeit der Veränderung durchdringen und alte Zöpfe von neuen Möglichkeiten unterscheiden können.
  • Nutze die in der Neutralen Zone frei werdende Kreativität.

Am Ende der Neutralen Zone wartet die 3. Phase der persönlichen Veränderung.

3. Der Neubeginn


Er ist ein zweischneidiges Schwert. Wir alle wollen schnell neu beginnen, doch wenn wir die Verluste unzureichend verarbeiten, wenn wir verkennen, was wirklich zu Ende ist und sein soll, scheitert der Neubeginn, bevor wir uns so richtig darüber freuen können.

In unserer Beziehungsmetapher gibt es dann zeitnah neue Liebeleien, neu beginnende Beziehungen. Oft missglücken sie so schnell, wie sie beginnen. Ein neuer Partner, mit dem man wirklich eine neue Beziehung beginnt, ist nicht die/ der Erstbeste.

Manche von uns bleiben in Sachen Beziehung aber auch in Sachen Arbeitsorganisation ewig an der ersten Liebe hängen. Ihnen misslingt, eine davon unabhängige neue gleichwertige oder gar bessere Beziehung aufzubauen. Sie verlassen die Neutrale Zone zu früh und bleiben genau deshalb in ihr hängen.


So bereitest Du einen erfolgreichen Neubeginn vor:

  • Habe das richtige Timing. Du kennst den Grund, das Wozu des Neubeginns. Es ist ein klares Bild und Gefühl vorhanden, das ihn zu den alten Mustern unterscheidet. Du kennst die Schritte, um Dein neues Wozu umzusetzen. Du kennst die Rollen und Aufgaben, die Deine Kollegen für den Neubeginn übernehmen sollen.
  • Du stärkst den Neubeginn nachhaltig. Sei durchgängig und verlässlich in Deinem Reden und Handeln hin zum neuen Sinn Ihrer Zusammenarbeit. Es gibt Raum und Chancen für schnelle Erfolge (siehe Kotter Phase 6). Du hast eine Symbolik und Sprache für die neue Identifikations-/ Sinnfläche. Feier die Erfolge der Gruppe.

Der Neubeginn geht in eine von mir so benannte 4. Phase über – die der Stabilität. Diese Phase wollen die meisten Menschen für ihre Beziehungen. Nur wenige streben nach einem stetigen Wandel.

Veränderungen können in verschiedenen Lebensbereichen auftreten. In der Partnerschaft, im Beruflichen, in Freundschaften etc. Ist ein Teil vom Wandel betroffen und sind die anderen stabil, kann man typischerweise gut damit umgehen. Je mehr Bereiche die Neugestaltung zeitgleich betrifft, umso dünnhäutiger geht man durch die Welt.

Stells Dir vor – Es ist einfach, wenn Du’s nur versuchst …
Gebhard


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