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Ist Digitalisierung ein Unwesen?

14.07.2016 – Das Schlagwort treibt die Marketingdörfer vor sich her. Arbeit 4.0, BigData, Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, die Schöne Neue Welt /3 vereinen sich mit ihm zur virtuellen Stampede. Wolf Lotter hinterfragt die damit verbundenen Träume, Hoffnungen und Ängste – sowohl in seinem Blog /1 wie im aktuellen Heft der brandeins /2. Löst der Digitalismus die Menschheit ab, wie es Ray Kurzweil von Google ankündigt? Wann überholen uns unsere Produkte? Auf einer kürzlich besuchten Mittelstandskonferenz kreuzte eine Beobachtung dazu meinen Weg ...

Liebe Leserin, lieber Leser,

Vor einigen Tagen ging ich im Interesse eines Kunden zu einer regionalen Konferenz zum Thema »Digitalisierung des Mittelstands«. Mein Auftraggeber möchte seine Prozesse verbessern. Das Augenmerk liegt darauf, den Informationsfluss qualitativ zu stärken. Man will aus dem täglichen Tun lernen können. Die Unterscheidung von Mustern zu Ausnahmen spielt hierbei eine zentrale Rolle.

Derzeit hören wir in der Firma wöchentlich mehrere Beschwerden, wessen Fehler wieder einmal zu einer Reklamation führten. Die aufgebrachten Mitarbeiter schildern detailliert, wer was für eine Dummheit beging. Die Erzählung endet regelmäßig mit den Heldentaten der Kollegen, die im letzten Moment mit einem enormen Aufwand beim Kunden die Kohlen aus dem Feuer holten. Oder eben mit einem hoch unzufriedenen Käufer.

Die Geschichten füllen Bücher. Leider gelingt es kaum, zu erkennen, welche Mängel im Immergleichen wurzeln und welche in die Kategorie »Jede/r macht mal einen Fehler« fallen. Mit dieser Unterscheidung wollen wir die Übel im Ansatz auflösen. Unsere Lösungsidee: Wir sammeln vergleichbare Informationen über das tägliche Tun hinweg und identifizieren daraus wiederkehrende Muster. Da der Belegschaft die Zeit für mühevolle Dokumentation fehlt, suchen wir nach einer Technologie. Sie soll »nebenher« die benötigten Daten aufnehmen.

Klingt wie ein Paradebeispiel von intelligent digitalisierten Helferlein. Genau das, was wir uns vom Mittelstandskongress erwarteten. Am besten gleich noch kombiniert mit schlauen, sich selbst optimierenden Auswertungen. Maßgeschneidert geben sie korrekte, unverfälschte Antworten auf die Fragen der Entscheider. So schlagen wir viele Fliegen mit einer Klappe: Aufzeichnung, Analyse, Reporting, Beschlüsse und Lektionen. All das natürlich gescheit. Das sollte in Anbetracht selbstfahrender Autos und Siri doch inzwischen möglich sein?!

Im Verlauf der Veranstaltung fiel mir Folgendes auf: Den Teilnehmern ging es wie uns. Wir peilen verbessertes Arbeiten an. Dem gegenüber fanden wir Veranstalter, von denen einige unsere Haltung teilten. Ihre Lösungen boten leider kaum eine bahnbrechend ausgefuchste Neuheit. Andere stellten »Innovationen« vor, die passten allerdings nur zu ganz wenig Besuchern. Wolf Lotters Aufruf gab mir eine Idee, worin die auf dem Event erfahrene Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit besteht.

Was macht uns Sorgen?

Vor kurzem hörte ich im Radio die Botschaft: »Die Digitalisierung kostet zukünftig 10.000e Arbeitsplätze. Erstmals wirkt sich die Automatisierung auch auf akademische Berufe aus. Ärzte und Piloten betrifft es gleichermaßen wie Sekretärinnen und Hilfsarbeiter.« Die Nachricht vom ersten toten Tesla-Autopilot-Nutzer könnte dem einen zwischenzeitlichen Dämpfer geben. Doch es scheint eher eine juristische Debatte loszutreten, denn das (intelligent?) autonome Fahren in Frage zu stellen. Schnell kommt man da zur Phantasie der überlegenen Terminator-Roboter, die die Menschheit auslöschen. Wolf Lotter erklärt im Artikel in der brandeins wie unbegründet diese Angst ist.

Zurück zum Mittelstandskongress. Alle vorgestellten Innovationen wiesen eine Gemeinsamkeit auf: Ihr Nutzen erschloss sich in einer anderen Kultur. Voraussetzung für Mehrwert durch Digitalisierung sind demnach Eigenverantwortung, Selbststeuerung und Selbstermächtigung. Unsere Firmenwirklichkeit scheitert mehrheitlich an diesem Anspruch. Verfehlen wir ihn weiterhin, kosten die modernen Technologien nur viel Zeit, Geld und Stress. So verwunderte es kaum, dass die Besucher in den Pausen auch der Frage nachgingen: »Wie können wir diesen Paradigmenwechsel erreichen.«

Mein Kunde, der diese Transformation bereits vor zwei Jahren anfing, freute sich. Er ist vorbereitet auf die Nutzung der neuen »Intelligenz«. Allerdings prüft er genau, wofür er sie braucht. Denn wir erkennen in der Veränderung immer wieder eines: Die Herausforderung ist der kluge Umgang mit Intelligenz.

Was ist wirklich wichtig an Künstlicher Intelligenz?

Wolf Lotter zitiert den britischen Autor Arthur C. Clarke: »Natürliche Intelligenz ist, wenn einem in größter Not und Desorientierung immer noch was einfällt.« Damit zusammen hängt die Fähigkeit zur Kreativität, zur Erfindung, zur Überraschung. Genau hier liegt eine der großen Aufgaben im Umgang mit eigenverantwortlicher Selbsteuerung in Firmen. Ich kann mehr wollen als die lenkbare Hochgeschwindigkeitsverarbeitung bestehenden Wissens. Bekomme ich darauf Zugriff, ist es vermutlich die lukrativste Ressource unserer Zeit. Allerdings kommt dieser Wunsch mit einem Preis. Die Firma muss dafür lernen, mit unmechanischen, nur teilweise programmierbaren Systemen umzugehen.

Intelligenz übergeht Hierarchie, Gehorsam, gute Erziehung und auch Eigentum. Um gut für die Gesellschaft zu sein, braucht sie Verständnis, Zugehörigkeit sowie Sinn. Genau hier liegt die Firmen-Herausforderung für Unternehmer und Führende. Ihre Rolle wechselt mit diesem Anspruch vom egozentrierten Größenwahn zu Gemeinschaft beachtender Demut. So lange wir uns zugestehen, dass große wirtschaftliche Taten Helden brauchen, ist Angst vor der KI mit freiem Willen ratsam. Egal, ob oder wann sie kommt.

Ganz unabhängig davon können wir uns der Aufgabe stellen, neue vernünftige Wege im Umgang mit unserer Intelligenz untereinander zu finden. Jenseits einer mechanischen Aktion=Reaktion-Idee, in der die Variablen der Gleichung vollständig bekannt zu sein scheinen. Das widerspricht all unserem Verständnis von Gefühl, Interpretationsfähigkeit, Inuition sowie Vor- & Unterbewusstsein.
Ich bin überzeugt, erlangen wir klug menschliche wirtschaftliche Lösungen im Zugang zur Intelligenz der Mitarbeiter, erübrigt sich die Angst vor einer möglichen bewussten KI.

Stells Dir vor – es ist einfach, wenn Du’s nur versuchst …
Gebhard

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